Schreiben bei Trauer – Wie du anfangen kannst, wenn Worte fehlen
Schreiben nach Partnerverlust: Ein leiser Einstieg
Du musst nicht wissen, wie du anfangen sollst. Du darfst einfach beginnen – mit einem Wort, einem Satz, dem Druck eines Stifts auf Papier.
In der Trauer kann Schreiben ein Weg sein, sich dem zu nähern, was sich schwer greifen lässt.
Eine leere Seite bietet den Raum, sie zu füllen. (Paterson, 2016, Film.)
Halte dich nicht an Regeln, wenn sie dich einschränken. Nutze den Rahmen, wenn er dir Sicherheit gibt. Und wenn nicht, lass ihn los. Nimm den Druck raus. Sei frei, Bestehendes zu verwerfen und Neues auszuprobieren.
Wenn es sich gerade nach zu viel anfühlt, hör hier auf – und schreib.
Beim Schreiben zeigt sich oft mehr, als du vorher denken kannst.
Es gibt nicht den einen richtigen Weg zu schreiben. Aber es gibt ein paar Zugänge, die helfen können, ins Schreiben zu kommen.
Dinge, die dir beim Schreiben in der Trauer helfen können
1. Halte deine Hand in Bewegung
Indem du deine Hand in Bewegung hältst, entsteht oft ein Fluss, der dich weiterträgt – auch dann, wenn du nicht weißt, was du schreiben sollst.
2. Denke nicht nach
Versuche nicht mehr darüber nachzudenken, was du schreibst, sondern lass die Hand führen um Buchstaben und Worte ohne Sinn aneinander zu setzen. Beim Journaling geht es nicht darum, alles zu durchdenken. Oft entsteht Klarheit erst beim Schreiben.
3. Folge deiner Intuition
Du betrittst einen Raum des Schreibens. Und es wird Momente geben, in denen du dich unwohl fühlen wirst und nicht gewillt bist, durch die Tür eines Schreibimpulses zu gehen. Hier ist es wichtig, dass du auf dich hörst! Sei ruhig mal mutig, aber übergehe dich nicht. Es sind Schreibimpulse und nicht Schreibaufgaben. Wenn du eine Karte ziehst, entscheidest immer du, ob dies der Tag ist, an dem du sie beantwortest oder sie wieder zurücklegt und eine andere ziehst. Es gibt kein Richtig oder Falsch in dem, was du tust oder schreibst.
4. Timer oder Seitenzahl – die Methodik
Gib dir selbst eine klare und machbare Struktur. Finde einen Zeitpunkt am Tag, am Wochenende oder einmal im Monat. Natürlich kannst du es ritualisieren und dir deinen Schreib-Ort herrichten, Tee oder Kaffee aufsetzen. Es geht um Dich! Und das heißt, du darfst auch pragmatisch sein und all das nicht tun. Gleiches gilt für die folgende Methodenauswahl. Neben der Frage nach der Häufigkeit, gibt es diverse Möglichkeiten, die helfen, erst einmal in das Schreiben reinzukommen.
- Morning Pages (nach Julia Cameron)
Jeden Morgen werden 3 Seiten am Stück geschrieben. Ich empfehle mit DinA5 Seiten zu beginnen. Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung spielen keine Rolle. Es darf so groß oder schief geschrieben werden, wie es sich richtig anfühlt. Nach einiger Zeit wird es anstrengend, bewusst groß schreiben zu wollen und die Hand fällt auf die gewohnte Schreibart und -Größe zurück.
Es geht darum, alles aus dem Kopf auf Papier fließen zu lassen. Erst Alltägliches, vielleicht den Gemütszustand, das Wetter, Beobachtungen im Außen, bedrückende Gedanken, anstehende Aufgaben, Ängste. Und dann ist da meistens noch eine Seite. Die Letzte. Die Seite, bei der ich jedes Mal denke: “Ich habe doch schon alles rausgeschrieben, was denn noch?"
Die letzte Seite ist magisch. Meistens nutze ich sie für Fragen, bei denen ich glaube, keine Antworten zu wissen. Und da kann es passieren, dass ich mein Unterbewusstsein führen lasse. Dabei versuche nicht mehr darüber nachzudenken, was ich schreibe, sondern die Hand führen und ohne Sinn Worte aneinander setzen zu lassen. Es fühlt sich an wie eine Trance. Den Kopf nicht übernehmen zu lassen klappt nicht immer, die drei Seiten zu füllen hingegen schon.
Diese Methode erfordert etwas Übung und Geduld, ist aber für mich in Zeiten von Stress und Gedankenkreiseln, die, zu der ich immer wieder zurückfinde.
- 5 oder 10 Minuten am Stück
Stelle deinen Timer auf zehn Minuten und verpflichte dich, die vollen zehn Minuten zu schreiben. Halte dabei die Hand in Bewegung. Das ist entscheidend.
- Kritzelbilder
Nimm dir eine Seite und schreibe alles auf, was raus möchte. Du darfst immer wieder überschreiben, kreuz und quer. Auch wenn du am Ende nichts mehr lesen kannst. Hier darf alles ausgeschrieben werden, ohne dass einzelnes sichtbar bleiben muss.
- Der Vertrag/ Dein Versprechen
Angelehnt an Julia Camerons Buch “Der Weg des Künstlers", gehst du bei dieser Methode einen Vertrag mit dir selbst ein. Im Idealfall schützt er dich an Tagen, an denen du keine Kraft hast. Dieser Vertrag ist dein Versprechen an dich. Er gibt deiner Stimme Gewicht. Hier ein verkürzter Auszug:
--Vertrag--
Ich, ___________ , bin mir bewusst, dass ich mich auf eine intensive Begegnung mit mir einlasse. Dazu verpflichte ich mich für diese 31 Schreibimpulse. Ich, verpflichte mich zu den [täglichen/ wöchentlichen/ monatlichen] [Morgenseiten/ 5 oder 10 Minuten am Stück]. Ich, ___________ , bin mir des Weiteren bewusst, dass diese Impulse Themen aufwerfen und Emotionen aufrühren werden, mit denen ich mich auseinandersetzen muss. Ich, ___________, verpflichte mich, während dieser Zeit hervorragend für mich zu sorgen, ausreichend zu schlafen, mich gut zu ernähren, mich genügend zu bewegen und mich zu verwöhnen.
Datum Unterschrift
Schreiben ist Zuhören
Ich lade dich ein, die Impulse zu nutzen, um in den Dialog mit dir selbst zu treten. Anstatt zu denken, dass du etwas tun musst, lasse deine Gedanken fließen und höre zu. Was du hörst, kann jedes Mal anders sein. Nicht immer klar. Nicht immer schön. Aber ehrlich.
Auch das gehört dazu. Was dabei entsteht, musst du nicht festhalten. Es reicht, dass es da ist. Erschrecke also nicht, wenn an einem Tag jemand schreibt, der sich nicht nach dir anhört. Es geht nicht darum, das Geschriebene zu bewerten. Es geht bei diesen Schreibimpulsen um eine Verhandlung von Bindung, Abschied, Orientierung und Selbstfürsorge.
Wenn du mit den Karten arbeitest, nimm dir eine Frage und bleib bei ihr. Du musst nichts „richtig“ machen. Es reicht, wenn du beginnst.
Wenn du beim Schreiben einen Anfang suchst, findest du ihn vielleicht in einer Frage. Die Trauer-Edition des Gedankenfluss Kartensets bringt diese Fragen mit.
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Ich lese mit – und begleite Menschen in Trauer. Mehr über meine Arbeit...
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